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Leseprobe
Forschungsraumer CHARR - Band 1
Im Auftrag des Imperiums
Zum Inhalt: Das Forschungsraumschiff CHARR ist
mit einer wichtigen Mission in der Großen Magellanschen Wolke unterwegs: Es soll rund fünfhundert
Sonnensonden aufspüren und entschärfen - denn jede einzelne davon
ist in der Lage, einen Stern in eine Supernova zu verwandeln.
Vier mutige Männer starten mit einem Spezialboot ins Innere der Sonne, wie
ein winziger, kaum wahrnehmbarer Bazillus, der in einen lebenden Körper
eindringt und dort Unvorhersehbares anrichten kann - bevor man ihn beseitigt...
Das Astrolab lokalisierte die Sonnenstation bereits nach zwanzig Minuten.
Unmittelbar darauf setzte sich der erste Sonnentaucher in Marsch.
An Bord Lee Prewitt, Professor Bannard und die beiden Leutnants Jarod Curzon
und Pondo Red.
Aus der relativen Nähe von 400 Millionen Kilometern Entfernung wirkte Goona
wie ein Höllenauge. Sie war jedoch eine gleißende Scheibe, die
anzublicken man besser vermied. Auf dem polarisierten Frontschirm des Sonnentauchers
II erkannte man, wie sie im dunklen Weltall brodelte und kochte, als würde
sie jeden Augenblick ihr Innerstes nach außen spucken.
»Brrr!« Jarod Curzon schüttelte sich und deutete auf die ständig
bewegte Sonnenoberfläche, die wegen der Polarisation von dunkelroten,
fast schwarzen Flecken übersät war. Am Rand der Sonne, vor dem Hintergrund
des Alls gesehen, zeigten sich die zerfaserten Bögen der Protuberanzen. »Da
ist ja allerhand los!«
»Alles halb so schlimm«, relativierte Allister Bannard, der es sich
nicht hatte nehmen lassen, an Bord des Sonnentauchers die Exkursion ins Innere
der Sonne mitzumachen. »Sieht nur so dramatisch aus. In Wirklichkeit ist
diese Sonne eine mehr harmlosere Vertreterin ihrer Zunft.«
»Ob das die Sonne weiß?« murmelte Pondo Red und warf seinem
Freund Jarod Curzon einen bezeichnenden Blick zu.
»Vermutlich nicht«, gab dieser ebenso halblaut zurück.
Huxley hatte die beiden Nachrichtentechniker im Range von Leutnants mit gutem
Grund für diese erste Sonnenmission ausersehen.
Curzon und sein Freund Red waren knapp über einen Meter neunzig groß,
trugen den gleichen Haarschnitt, waren beide schwarzhaarig und zeigten auch sonst
eine derart frappierende Ähnlichkeit, daß sie an Bord der CHARR nur
als »die Zwillinge« galten, obwohl sie überhaupt nicht miteinander
verwandt waren. Nicht einmal ansatzweise.
Wie Jarod Curzon hatte auch Red graue Augen und zeigte bei Gefahr das gleiche
Grinsen, das zu neunundneunzig Prozent so falsch war wie das eines Wolfes.
Ihr Äußeres
entsprach dem, was man gemeinhin als »gutaussehender Mann« bezeichnete,
doch diese Attribute hatten keine Rolle in Huxleys Überlegungen bei ihrer
Auswahl gespielt. Die beiden Raumfahrer waren hervorragende Piloten und bekannt
für ihre Furchtlosigkeit bei heiklen Missionen, was sie oft genug in
der Vergangenheit unter Beweis gestellt hatten. Ihre Ausbildung und ihr
kühles Reagieren in gefährlichen Situationen waren der Hauptgrund,
weshalb sie Huxley zu diesem Einsatz abkommandierte. Sie sollten Erfahrungen
sammeln, um dann bei den nächsten Einsätzen als Piloten die weiteren
Missionen durchzuführen.
»Ob das die Sonne weiß oder nicht«, griente der Professor, »ist
relativ unwichtig. Die Abschmelzpanzerung unseres Sonnentauchers gibt uns einen
Zeitrahmen von satten vier Stunden. Aber da wir nicht das Innere der Sonde aufsuchen,
wie bei Geret geschehen, sondern sie nur aus ihrer energetischen Verankerung
lösen werden, können wir uns rechtzeitig wieder aus dem Staub machen.«
Die Digitalziffern veränderten sich lautlos. Niemand sprach jetzt noch.
Die vertrauten Geräusche hüllten die Mannschaft ein und erzeugten das
trügerische Sicherheitsgefühl einer gegen alle Unbill geschützten
Zelle in einer absolut lebensfeindlichen Umwelt.
Endlich sagte Jarod Curzon leise: »Achtung. In ein paar Sekunden ist es
soweit.«
Der Autopilot, gesteuert durch den Bordrechner, ließ den Sonnentaucher
II am genau errechneten Punkt in die Sonne eintreten. Seine Systeme orientierten
sich kurz, und dann begann er mit dem Abstieg in die äußeren
Schichten der Sonnenatmosphäre.
»Unvorstellbar!« murmelte Curzon, als er das Tohuwabohu auf den stark
polarisierten Frontschirmen betrachtete.
»Sagtest du etwas?« erkundigte sich Pondo Red.
»Ich erlaubte mir, meiner Skepsis Ausdruck zu geben«, entgegnete
sein Freund.
»Skepsis? Worüber?«
»Glaubst du im Ernst, wir kommen aus diesem energetischen Hochofen wieder
heil heraus?« hielt ihm Curzon vor.
»Ich denke doch.«
»Noch nichts zu erkennen?« kam eine Anfrage aus der CHARR über
To-Funk.
»Nein!« antwortete Prewitt an der FZ-Konsole des Sonnentauchers. »Wir
sind noch nicht nahe genug herangekommen. Sobald wir etwas erkennen, werden
Sie es unverzüglich erfahren, Skipper - ich halte die Phase offen.«
»Verstanden, Lee! Viel Erfolg!«
»Danke. Können wir brauchen«, war Prewitts knappe Erwiderung.
Die Anspannung der Nerven, diese Folge quälender Ungewißheiten, die
Gedanken an Tod und Untergang innerhalb des atomaren Glutofens einer Sonne brachen
jetzt doch durch. Während die »Zwillinge« leicht nervös
wirkten, bewies Professor Allister Bannard, daß er entweder abgebrüht
wie ein Dockarbeiter auf Cent Field war oder sich mustergültig beherrschen
konnte. Schweigend sah der Astronom die Anomalie innerhalb der Korona näher
kommen, zumindest die Stelle, an der sie von den starken Ortungsgeräten
der CHARR lokalisiert worden war.
»Entfernung von der Sonnenstation?« wollte Prewitt von seinem Platz
aus wissen.
»Sechstausend Kilometer.«
Sie waren jetzt seit exakt zehn Minuten innerhalb der Sonnenatmosphäre,
wie Jarod Curzon durch einen Blick auf das Multifunktionsgerät auf seiner
Steuerkonsole feststellte. Blieben noch immer knappe vier Stunden, um heil zurückzukommen.
Er bewegte unbehaglich die Schultern. Obwohl er sicher war - nun, zumindest
redete er es sich ein -, daß für das kleine Boot innerhalb der Sonnenkorona
für die Dauer von vier Mal sechzig Minuten keinerlei Gefahr bestand,
war das Wissen, daß außerhalb der Wandungen und der hyperenergetischen
Schirmfelder ein nuklearer Gasriese sozusagen auf Tuchfühlung kochte
und brodelte, nicht dazu angetan, sich entspannt zurückzulehnen
und die Fahrt zu genießen. Die Mannschaft der CHARR hatte zwar schon einige »Tauchgänge« in
die Korona von Sonnen mitgemacht, wenn es galt, sich vor einem zahlenmäßig übermächtigen
Gegner zu verbergen. Doch niemals zuvor war er so weit in Richtung
auf eine Sonnenoberfläche eingedrungen. Er hoffte nur, die Zeit würde
ohne Komplikationen vorübergehen, bis sie diesen nuklearen
Hochofen mit seiner brüllenden Hitze wieder verlassen konnten.
Seine Blicke ließen den Hauptschirm nicht aus den Augen.
Das speziell gepanzerte Beiboot der CHARR bewegte sich in einem Ozean aus magnetischem
Plasma unterschiedlicher Dichte und Strömungen. Ein sich ständig
veränderndes Konglomerat aus Farben und Formen brach über die Frontschirme
ins Innere des Sonnentauchers, der immer tiefer in den kochenden Mahlstrom hochenergetischer
Neutronen eintauchte, als wäre dies lediglich die Lufthülle eines
Planeten, dessen Oberfläche es zu erreichen galt. Gigantische Ströme
hochenergetischer Teilchen wirbelten entlang von gewaltigen Magnetfeldlinien,
entluden sich und wurden über den Rand der Photosphäre in den umgebenden
Weltraum geschleudert, wo sie als Sonnenwinde durch das System wanderten.
Ohne Relation zu einem festen Punkt innerhalb des Zentralgestirns schien das
winzige Boot kaum vorwärts zu kommen. Tatsächlich wurde es jedoch mit
hoher Geschwindigkeit durch die Chromosphäre getrieben, auf ein Ziel zu,
das nur aufgrund von Spektrallinien zu lokalisieren war, die von der Umgebung
abwichen.
Der Suprasensor hielt das Beiboot auf Kurs. Und der Antrieb, Gravitationsfelder
auf hyperenergetischer Basis, zwang es hinab in die Tiefe.
»Zustand der Abschmelzpanzerung?« erkundigte sich Lee Prewitt bei
Professor Bannard, ohne den Kopf zu wenden.
»Liegt bei neunzig Prozent«, erwiderte der Astronom, dessen Augen
vor wirklicher Begeisterung zu glitzern schienen. So tief im Innern einer Sonnenkorona
war er noch nie gewesen. Obwohl »tief« nicht wirklich tief war. Gemessen
an der Größe dieses Sterns hatten sie gerade mal die Oberfläche
seiner Atmosphäre angekratzt.
Sekunden später sagte der Professor: »Noch siebzig Kilometer. Ich
schalte Vergrößerungen ein.«
Noch war nichts von der Sonnenstation innerhalb der Korona von Goona zu sehen.
Unbehaglich bewegte sich Jarod Curzon in seinem Kontursitz. Seine Hände
lagen zwar auf der Manuellsteuerung des Bootes, aber er würde den Teufel
tun, dem Suprasensor ins Handwerk zu pfuschen. Der hatte das kleine Gefährt
sicher im Griff.
»Ich frage mich...« begann er. Und verstummte sofort wieder, als
die Orterwarnung eine Abfolge von Alarmtönen produzierte.
Prewitts Blicke flogen über die geschäftig pulsierenden Anzeigen seiner
Konsole.
»Achtung!« ließ sich jetzt Allister Bannard vernehmen. »Objekt
materialisiert vor uns an Backbord...«
»Entfernung?«
»Dreißig Kilometer!«
»Geben Sie mir eine visuelle Darstellung!« forderte der I.O. in das
Verebben des Warnsignals. »Maximale Vergrößerung.«
Der Befehl wurde ausgeführt.
Im Augenblick bewegte sich der Sonnentaucher wie durch einen See aus monochromem,
rötlichem Dunst, in dem Ströme aus leuchtender, ionisierter Materie
wie aus dem Nichts entstanden, sich zu Kreisbögen aufwölbten und wieder
verschwanden.
Im Innern einer Korona war nichts statisch, erläuterte der Professor, von
Pondo Red auf das Phänomen angesprochen. Alles unterlag ständiger Veränderung.
Und in diesem rötlichen See aus ionisierter Materie zeichnete sich die Sonnenstation
ab.
Als das fremde, gewaltige Relikt aus der Vergangenheit des nogkschen Kaiserreiches
inmitten der Sonnenwinde, der Magnetfeldlinien und dem Strahlenhagel gewaltiger
Neutronenströme auftauchte wie ein Bote aus dem tiefsten Schlund der Hölle,
zuckte Lee Prewitt für den Bruchteil einer Sekunde zusammen, so übergangslos
geschah dieser Vorgang. Wie gebannt hingen seine Blicke an der gewaltigen Kugelstation,
die von den Tastern des Sonnentauchers in den Fokus ihrer Bilderfassung gerückt
wurde.
»Beim Jupiter!« Pondo Red gab einen tiefen Kehllaut von sich, der
seine ganze Überraschung ausdrückte. »Ist die riesig!«
Das kugelförmige Gebilde bot in der Tat einen beeindruckenden Anblick.
Die Datensequenz, die der Suprasensor des Sonnentauchers in den Sichtschirms
einblendete, gab dem Artefakt einen Durchmesser von zehn Kilometern. Es war eine
perfekte Kugel, die da in der Korona schwebte. Gehalten von Kräften, die
sich das Artefakt aus der Sonne selbst holte. Die äußere Hülle
war glatt und schimmerte stumpf metallisch.
Lee Prewitt stieß zischend die Luft aus.
»Mister Curzon. Fliegen Sie das Ding an. Sie wissen, wonach Sie suchen
müssen.«
»Verstanden, Sir.«
Der Leutnant aktivierte die Manuellsteuerung.
Der Sonnentaucher bewegte sich in einem weiten Halbkreis um das künstliche
Gebilde, wobei er zuerst die sonnenzugewandte Seite der kugelförmigen
Station tangierte.
Angestrengt starrten vier Augenpaare auf den Frontschirm in der Kabine.
»Nichts zu sehen auf der Hülle«, gab Prewitt halblaut über
die stehende Phase des To-Funks an die CHARR weiter.
»Sie werden auch nichts finden«, ließ sich Lem Foraker aus
dem Leitstand des Ellipsenraumers hören, wo man die Annäherung
gespannt mitverfolgte.
Curzon veränderte leicht den Kurs, bremste ab und ließ den Sonnentaucher
auf einer Tangentenbahn um die Kugel herumschwingen; es brauchte Geschick,
um das kleine Boot in den turbulenten Plasmaströmen an die zehn Kilometer
große Kugel heranzuführen. Mit deutlich verringerter Fahrt steuerte
er es in den »Schlagschatten« der sonnenabgewandten Seite der
Station, deren Vernichtungspotential ausreichte, einen Prozeß in der Sonne
anzuregen, der sie zu einer Supernova entarten lassen würde.
»Da ist es!« rief Professor Bannard aus und deutete auf den Frontschirm
der Steuerkanzel. Sie hatten eben den sonnenfernsten Punkt der Kugel erreicht,
wie Prewitt durch einen raschen Blick auf die ständig mitlaufenden Datenzeilen
registrierte, als sich auf der Hülle der Sonnenstation eine im Verhältnis
zu den gigantischen Proportionen der Kugel winzige Pyramide zeigte. Die Sensorenauswertung
ergab eine Höhe von nicht mehr als drei Meter, gemessen von der gleichschenkligen
Basis bis zur Spitze.
»Wir sind am richtigen Ort«, nickte Bannard zufrieden.
Der Sonnentaucher schob sich näher und näher an die Kugel heran. Jarod
Curzon korrigierte den Annäherungsvektor und drehte das Beiboot so, daß es
mit der Unterseite auf die Kugelhülle »heruntersank«.
»Achtung, Leutnant Curzon«, warnte Lee Prewitt. »Gehen Sie
nicht zu nahe heran. Denken Sie an die Umkehrung der Schwerkraftverhältnisse
im Bereich der Außenhülle.«
»Ich habe es nicht vergessen, Sir.«
Die kugelförmige Manifestation vergangener Größe des Kaiserreichs
der Nogk war von einem Schirmfeld negativer Gravitation umgeben, um die Ströme
glühender Materie im Inneren der Photosphäre, die fluktuierenden
Felder magnetisierten Plasmas und Gase, die auf die Station eindrangen, von der
Hülle fernzuhalten. Lem Foraker war auf dieses Phänomen gestoßen,
als er im April dieses Jahres mit einem Sonnentaucher in die Korona der
Sonne Geret vorgedrungen war, um die dort verborgene Sonnensonde zu
erkunden. Inzwischen waren, aufbauend auf dieser Exkursion, die Abstoßparameter
der geretschen Sonnenstation in die Suprasensoren der neuen Sonnentaucher
integriert.
Die Annäherungskompensatoren trugen dem Rechnung.
Die Vektorgraphik auf dem Schirm lief langsam rückwärts, und in einer
Entfernung von zehn Metern verharrte der Sonnentaucher über der Pyramide,
die wie ein winziger Dorn aus der ansonsten glatten Außenhülle
hervorstand, und deren Seitenflächen mit nogkschen Schriftsymbolen
bedeckt war. Symbole einer uralten Sprache, wie sie zu Zeiten der ersten Kaiser
der Hitaura-Dynastie gesprochen worden war.
»Jetzt«, sagte Lee Prewitt, zu Pondo Red gewandt, »dürfen
Sie in Aktion treten, Leutnant.«
»Aye, Sir!«
Pondo Red schaltete an seiner bisher inaktiven Konsole.
Für ein paar Sekunden geschah gar nichts. Dann schob sich aus dem Bugbereich
des Sonnentauchers ein im Vergleich zu den übrigen Dimensionen lächerlich
dünner Panzerschlauch mit einer Kabelseele aus Nogk-Fertigung. Die Spitze
wies eine Art greifarmähnlichen Fortsatz auf, der nichts anderes war als
ein elektronischer Türöffner.
War das erste Eindringen in eine Sonnenstation nur durch puren Zufall gelungen,
so konnte man jetzt wohlüberlegt und gut berechnet vorgehen. Charauas Wissenschaftler
hatten den kaiserlichen Archiven alle relevanten Informationen über
die Sicherungsprotokolle entnommen und den »Türöffner« entsprechend
dieser Parameter präpariert.
Die vollautomatische Ankopplungsvorrichtung wußte genau, was sie zu tun
hatte. Wie ein eigenständiges Lebewesen suchte und fand sie die unscheinbare
Stelle am Fuße der kleinen Pyramide, auf die es ankam. Auf dem korrespondierenden
Monitor in der Steuerkanzel des Sonnentauchers pulsierte ein grünes Licht;
der Verbindungsarm war fündig geworden und hatte sich angekoppelt.
Pondo Red stieß einen Pfiff aus.
»Bingo!« sagte er triumphierend und verwendete dafür eine uralte
Bezeichnung aus dem Englischen, der Vorläufersprache von Angloter. »Dann
wollen wir mal sehen, ob wir auch akzeptiert werden...«
Seine Finger glitten über die Tastatur der Konsole, gaben eine Reihe von
Befehlsparametern ein.
Eine Sequenz elektronischer Impulse aus dem Bordrechner des Sonnentauchers übertrug
den Autorisationscode, der die Schutzschaltung der Sonnenstation überbrücken
und Zugang zu dem Hauptrechner im Inneren des gigantischen Artefakts gewähren
sollte.
Der Suprasensor stieß eine Abfolge kurzer Töne aus.
»Was ist jetzt?« Allister Bannards Stimme klang besorgt.
»Nichts, was zur Besorgnis Anlaß gäbe«, beruhigte Pondo
Red. »Das fremde System hat nur noch einmal unsere Autorisation verlangt«
»Müssen Sie nicht...?«
»Macht der Rechner allein«, beantwortete Lee Prewitt Bannards Frage.
Die Töne verstummten.
»Das System hat uns akzeptiert.«
»Senden Sie den Abbruchcode, Leutnant!«
Der Bordrechner übertrug einen Wirbel elektronischer Sequenzen.
Eine kleine Weile geschah nichts.
Lee Prewitt runzelte schon die Stirn.
Dann löste sich der Panzerschlauch von der Pyramide und wurde von der Automatik
eingezogen.
Als hätte man einen Anker gelöst, driftete die Pyramide unter dem Sonnentaucher
hinweg, mit ihr die enorme Masse der Sonnensonde.
Gespannt blickten die Insassen des Bootes auf den Schirm.
"Na also!"
Tiefe Zufriedenheit kennzeichnete den Ausspruch des Ersten Offiziers der CHARR,
als sich die Sonnenstation - zuerst kaum merklich, dann doch deutlich erkennbar - vom
Sonnentaucher entfernte und gemächlich in die Tiefe sank. »Und nun
nichts wie weg. Wir wissen nicht hundertprozentig sicher, was geschieht,
wenn die Novastation tiefere Schichten erreicht.«
»Das könnte unter Umständen problematisch werden«, nickte
Allister Bannard und setzte sich in seinem Kontursitz zurecht.
»Was sollte denn schon groß geschehen?« wollte Jarod Curzon
wissen, während er dem Sonnentaucher einen vertikalen Aufstiegsvektor gab.
Seiner Miene sah man an, daß er begierig schien, dieser Umgebung zu entkommen.
Allister hob die Schultern.
»Wir haben ihre gravimetrischen Ketten deaktiviert, die sie an diesem fixen
Orbit fesselten. Jetzt wird sie von den Schwerkraftfeldern des Sonnenkerns
in die Tiefe gezogen und...«
»Verglühen?«
»Vermutlich wird sie der unvorstellbare Druck bereits vorher zerquetschen.
Oder beides tritt ein.«
»Und der Zündmechanismus? Kann der nicht doch Auslöser für
eine Supernova sein?«
Nur Prewitt sah das Funkeln in Bannards Augen, der gleichmütig meinte: »Tja,
darüber haben wir nun wirklich keine gesicherten Erkenntnisse. Vergessen
Sie nicht, junger Mann, dies ist eine Premiere.«
Curzon wechselte die Farbe, weshalb sich Lee Prewitt genötigt sah, einzuschreiten.
»Nun verunsichern Sie mir nicht das Personal mit Ihrem makabren Humor,
Professor«, sagte er tadelnd. Und an Curzon gewandt: »Lassen Sie
es sich gesagt sein, Leutnant, es wird nichts dergleichen geschehen. Und nun
bringen Sie uns endlich von hier weg!«
»Aye, Sir!«
Geschützt von der nogkschen Abschmelzpanzerung gestaltete sich die Fahrt
hoch zur Chromosphäre ohne Unterbrechungen. Schließlich hatten sie
die Korona Goonas hinter sich und glitten in den freien Raum.
Einmal außerhalb der Sonnenatmosphäre, beschleunigte der Sonnentaucher
mit allem, was die Konverter hergaben.
Die Einsatzgruppe hatte sich bereits 150 000 Kilometer von dem riesigen
Fusionsreaktor entfernt, als hinter ihr in der Tiefe der Sonne die aller Fesseln
ledige Novastation von den unvorstellbaren Drücken zu Atomen zerrissen und
zerstrahlt wurde.
So gewaltige Kräfte der gigantischen Sonde auch innegewohnt haben mochten,
sie reichten nun nicht einmal dazu, der Sonne ein Rülpsen abzuringen.
Kurz darauf wurde der Sonnentaucher mit der Kennziffer II von der CHARR aufgenommen.
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